Den nordamerikanischen Markt verstehen

Eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass ein Produkt, das seit Jahrzehnten erfolgreich für den europäischen Raum produziert wurde, auch problemlos im nordamerikanischen Raum vertrieben werden kann. Dieser Rückschluss gilt für mechanische Komponenten und funktionale Sicherheit, stößt aber bei elektrischen Komponenten schnell an seine Grenzen – aufgrund von zwei nordamerikanischen Besonderheiten.

Amerika und Kanada sind Großflächenstaaten und vielerorts wird die haushaltsübliche Niederspannung direkt am Haus von einem Transformator erzeugt, der primärseitig vom Mittelspannungsnetz versorgt wird. Aus der kurzen Distanz zwischen Transformator und Verbraucher ergeben sich sehr geringe Leitungswiderstände, die im Fehlerfall zu enormen Kurzschlussströmen führen können.

Da Kurzschluss, Wärmeentwicklung und die weit verbreitete Holzbauweise eine denkbar ungünstige Kombination darstellen, haben (Feuer-)Versicherungen ein großes Interesse daran, sich maßgeblich an der Erstellung von Sicherheitskonzepten wie Gesetzen und Normen zu beteiligen.

Wie erfolgen die Umsetzungen der Sicherheitskonzepte im nordamerikanischen Raum?

Durch das föderalistische System in den USA und in Kanada gibt es keine einheitliche (Bundes-) Regelung, wer die Einhaltung der Sicherheitsregeln überwacht.

Das Sicherheitsrecht fällt in beiden Staaten in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesländer.  In den USA überlassen einige Bundeländer (sog. „Home Rule States“) die Gesetzgebung  sogar komplett den einzelnen Lokalregierungen (z.B. Bürgermeister).

Der kleinste gemeinsame Nenner unter den Bundesländern besteht in der Schaffung einer Institution mit dem Namen „AHJ“ („Authority Having Jurisdiction“, „Person mit örtlich begrenzter Entscheidungsbefugnis“).

Die Aufgabe des AHJ besteht darin, die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften zu überwachen.

Die Anzahl der verantwortlichen AHJs für einen Ort ergibt sich aus den jeweiligen öffentlich- und zivilrechtlichen Regelungen.

Zu der Gruppe von AHJs gehört zumindest immer der Eigentümer und meist auch eine Behörde. Dem Eigentümer steht es dabei frei, seine Befugnis zu übertragen oder weitere AHJs zu bestimmen.

Zum Beispiel kann für eine elektrische Maschine in einer Fabrik die Entscheidungsbefugnis bezüglich der Einhaltung der Sicherheitsvorschriften zivilrechtlich (also per Vertrag) vom Eigentümer auf die Gewerkschaft und die Feuerversicherung  übertragen worden sein und per Lokalgesetz dem örtlichen Feuerwehrkommandanten zustehen.

Das hätte zur Folge, dass vor der Inbetriebnahme einer Anlage eine Inspektion durch jeden zuständigen AHJ durchgeführt wird.

Dazu müsste der AHJ die Sicherheit der einzelnen Komponenten ermitteln, indem er für alle Einzelteile die jeweils anwendbare Produktnorm sucht und dann die Übereinstimmung der Einzelteile mit den Normen prüft.

Erst wenn alle AHJs ihre Prüfung abgeschlossen und ihr Einverständnis gegeben haben, könnte die Anlage in Betrieb genommen werden.

Dieses Verfahren wäre schon bei kleinen Anlagen viel zu langwierig und in der Praxis – beispielsweise wegen der fehlenden Prüfeinrichtungen – auch kaum durchzuführen.

Darum wurde folgendes System eingeführt: Prüforganisationen können sich bei den zuständigen Bundesbehörden (OSHA/USA, SCC/Kanada)  bewerben, um als staatlich anerkannte Prüforganisation (NRTL/USA, „Inspection Bodies“/Kanada) offiziell Produkte nach den Produktnormen überprüfen zu können.

Jede staatlich anerkannte Prüforganisation erhält ihr eigenes Prüfzeichen.

Die Hersteller beauftragen solche anerkannte Prüforganisationen mit der Überprüfung ihrer Produkte.

In Abhängigkeit von der Art des Produkts gibt es hierzu verschiedene Verfahren:

  • Für verwendungsfertige Massenprodukte, für die es eine eigene Produktnorm gibt, eignet sich die vollständige Produktzertifizierung.
  • Für Kleinserien von Produkten, für die es eine eigene Produktnorm gibt, eignet sich die begrenzte Produktzertifizierung (LPC, Limited Production Certification).
  • Für Hersteller von Schaltschränken, die zwar leicht variieren aber immer innerhalb eines gewissen Leistungsspektrums liegen, eignet sich das „Panel-Shop-Program“.
  • Für Sonderanfertigungen eignet sich die Einzelabnahme in Form einer „Field Inspection“ nach NFPA 79 für die USA bzw. einer „Field Evaluation“ nach SPE-1000 für Kanada.

Produkte, die im Einklang mit den jeweils anwendbaren Normen stehen, erhalten ein Prüfzeichen. Die Produkte werden dann „certified“, „listet“, „labelled“ oder „approved“ genannt.

Warum sollte ein Hersteller Geld in ein Prüfzeichen investieren?

Die einzige Aufgabe des AHJ besteht darin, die Sicherheit in seinem Aufgabenbereich (Jurisdiction) zu gewährleisten. Dazu muss er alle neuen Anlagen in seinem Bereich sicherheitstechnisch bewerten, bevor er sie freigeben kann. Diese Verantwortung will er in der Regel nicht alleine schultern.

Wenn ein AHJ ein Produkt mit einem Prüfzeichen sieht, kann er davon ausgehen, dass die Produktspezialisten einer staatlich anerkannten Prüforganisation die Sicherheit bereits geprüft und bestätigt haben.

Ein Prüfzeichen vereinfacht und verkürzt somit die Endabnahme des Produkts durch den AHJ erheblich.

Warum sollte der Hersteller Geld in geprüfte Einzelkomponenten investieren?

Damit die Produktspezialisten einer staatlich anerkannten Prüforganisation ihrerseits die Sicherheit einer Anlage bewerten können, achten sie auf die Verwendung von geprüften Einzelkomponenten und die Einhaltung der entsprechenden Einbau- und Verlegevorschriften gemäß den Vorgaben der Normen, des Herstellers oder der Prüforganisation der Einzelkomponente.

Die bestimmungsgemäße Verwendung von geprüften Einzelkomponenten ist somit der Schlüssel zum Erfolg, wenn es darum geht, ein sicheres Produkt nach nordamerikanischen Maßstäben herzustellen.

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