Industrie 4.0 bei Kanal-Baugruppen

Bis spätestens 2025 soll Industrie 4.0 flächendeckend in Deutschland realisiert sein, um hierzulande die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Erste Ansätze sind auch beim Mittelstand erkennbar. Kein Wunder: Möchten die meist inhabergeführten Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten und mehr Wertschöpfung erreichen, müssen sie Kosten senken, Prozesse verbessern und vernetzt mit Zulieferern wie Kunden und allen internen Abteilungen arbeiten. Roland Lenzing, Leiter Unternehmensstrategie, Prokurist und Gesellschafter von Pflitsch, erklärt im Interview, wie der Hersteller von Kabelverschraubungen und Kabelkanälen mit „Kanal-Baugruppen 4.0“ immer mehr Kunden überzeugt, wenn es um die Verbindung von Schaltschränken und Maschine geht.

Die Smart Factory wird bis spätestens 2025 real und verbessert damit die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, so das Ergebnis des aktuellen VDE-Trendreports. Jedes dritte befragte Unternehmen befasst sich demnach bereits konkret mit Industrie 4.0. Der Studie zufolge werden der Automobil- und Maschinenbau, gefolgt von der Elektrotechnik und Logistik, am meisten von dem vernetzten Agieren profitieren. Jeder zweite Experte glaubt, dass vor allem der Mittelstand bei Industrie 4.0 (Englisch: Cyber Physical System) gewinnen wird.

Die „Dampfmaschine des 21. Jahrhunderts“ – das Internet – spielt dabei eine Schlüsselrolle. Vom Einkauf über die Auftragsvorbereitung und Fertigung bis zur Logistik werden darüber die relevanten Daten zur Verfügung stehen. Die klassische Wertschöpfungskette wird also zu einem Wertschöpfungsnetz, bei dem digitale, virtuelle und reale Ebenen verschmelzen.

SSB: Herr Lenzing, das Bergische Land ist eine Region, in der sich von Industrie 1.0, also von der Fertigung mit Wasser- und Dampfkraft an beobachten lässt, wie die industrielle Entwicklung fortgeschritten ist.

Lenzing: In der Tat haben wir als bergisches Unternehmen mit fast hundert Jahren Erfolgsgeschichte alle Stufen durchlaufen und beispielsweise mit Produkten die Elektrifizierung ebenso begleitet wie die Automatisierung. Jetzt packen wir unter dem Label „Industrie 4.0“ die Vernetzung auf allen Ebenen an. Statt dass der Kunde seinen Kabelkanal selbst von Hand konfektioniert, kann er effizienter unsere „Kanal-Baugruppen 4.0“ einsetzen, bei dem wir den kundenspezifischen Kanal planen, projektieren, fertigen und auf Wunsch auch in der Anlage beim Kunden montieren. Damit können sich Durchlaufzeiten über die Hälfte verkürzen sowie die Kosten um bis zu 20 Prozent reduzieren. Außerdem reduziert unsere Just-in-Time-Lieferung den Aufwand für Lager und Logistik erheblich. So erreichen wir ein Ziel von Industrie 4.0: Produkte können schneller und mit einer Vielzahl von Varianten auf den Markt kommen.

SSB: Wie genau muss man sich das vorstellen?

Lenzing: Maschinen bestehen aus unterschiedlichen Komponenten und Modulen, Gehäusen und Schaltschränken, die sauber und übersichtlich verkabelt werden müssen. Für die Kabelführung durch diese Anlagen kommen Kabelkanäle in verschiedenen Querschnitten zum Einsatz. Die geraden Kanalteile werden mit Formteilen so miteinander verbunden, dass der Kanal optimal durch die Maschine verlegbar ist. Er soll dabei so zugänglich bleiben, dass ein Monteur Kabel einlegen und herausnehmen kann, wenn sich Anforderungen oder Funktionalitäten verändern. Diese Kanäle vor Ort selbst von Hand an die Maschinenumgebung anzupassen und zusammenzubauen, passt nicht mehr zur Industrie 4.0-Strategie und den Optimierungskonzepten der Anlagenhersteller. Denn diese Vorgehensweise ist aufwendig, teuer und bindet wertvolle Mitarbeiter- und Material-Ressourcen.

SSB: Wie läuft bei 4.0 die Vernetzung mit Ihren Kunden?

Lenzing: Am Anfang eines Projektes steht für uns immer noch eine kompetente Beratung unseres Kunden, der eine optimale wie preiswerte Kanalführung erwartet. Dabei werden Kabelvolumen ebenso berücksichtigt wie die getrennte Führung von Daten-, Steuer- und Energiekabeln oder Leitungen für Druckluft. Die Ausstattung des Kanals fließen ebenso in die Vorplanung ein wie Herstellung oder Zukauf von Bauteilen, die für die Vervollständigung der Baugruppe benötigt werden. Über unser Tool easyRoute 4.0, das wir Kunden kostenlos zur Verfügung stellen, läuft auf Kundenseite wie in unserem Produktmanagement die Planung des kundenspezifischen Kanals. Im easyRoute 4.0 sind alle Systemkomponenten unserer Industrie-, PIK- und Gitter-Kanäle in einer intelligenten Datenbank hinterlegt, die nach den Planungsvorgaben am Bildschirm dreidimensional zu dem gewünschten Streckenverlauf zusammengesetzt werden.

SSB: Vernetzung nach 4.0 bedeutet aber mehr als nur eine CAD-Planung…

Lenzing: Stimmt. Aus den easyRoute-Daten wird eine Systemdatei exportiert, die sich beim Kunden in gängige CAD-Systeme importieren lässt. So vernetzt kann der Konstrukteur den Kanalverlauf in 2-D oder 3-D in die Maschinenumgebung einbetten und beispielsweise eine Kollisionsprüfung durchführen oder weitere Optimierungen vornehmen. Gleichzeitig wird beim Kunden die Anlagendokumentation komplettiert. Der digitale Datensatz ist dann die Basis für unser Angebot, für die Freigabe durch den Kunden, für Stück- und Bestelllisten sowie eine optimale Fertigung in unserem Hause.

SSB: Welche weiteren Vorteile bringt eine Fertigung der Baugruppen bei Ihnen konkret?

Lenzing: Mit unserem modernen und flexiblen Maschinenpark können wir passgenau die gewünschten Kanalkomponenten in der richtigen Länge produzieren, inklusive aller Ausbrüche, Oberflächenbeschichtungen und Befestigungspunkte. Das ist per Hand in der Qualität und so termingerecht nicht zu machen. Auch Sonderwünsche wie ein Verbindungsstück zwischen Kanal und Schaltschrank fertigen wir schnell und sauber. Ein erfahrenes Team konfektioniert dann in gleichbleibend hoher Qualität die Einzelteile zu einbaufertigen Baugruppen. Kantenschutz, Trennstege und andere Ausstattungsdetails wie Kabelverschraubungen und elektrische Bauteile werden hier auf Wunsch vormontiert. Aufgrund einer vernetzten Arbeitsweise konnten wir die Realisierung eines Kundenkanals bereits auf wenige Tage drücken.

SSB: Kanal-Baugruppen 4.0 – welche Vorteile bleiben dem Kunden?

Lenzing: Indem wir die geprüften Kanalkomponenten zu handlichen Baugruppen vormontieren und direkt ans Montageband des Kunden anliefern, vereinfachen wir die Logistik zum Kunden sowie die Lagerung und Disposition beim Kunden. Die Kanalbaugruppen werden sicher verpackt und termingerecht angeliefert – inklusive einer umfassenden Dokumentation bestehend aus Stückliste und technischer Zeichnung. So kann unser Kunde die eigenen Abläufe terminiert planen und seine Mitarbeiter optimal einsetzen. Auf alle Fälle ergibt sich eine hohe Projekttransparenz.

SSB: Für welche Projektgrößen rechnet sich das?

Lenzing: Beispiele aus der Praxis belegen, dass sich gegenüber dem Selbstbau mit unseren „Kanal-Baugruppen 4.0“ bis über die Hälfte der Durchlaufzeiten beim Kunden und bis zu zwanzig Prozent an den Gesamtkosten durch Material-, Personal- und Zeiteinsparung reduzieren lassen. Das gilt für Einzelprojekte ebenso wie für Serienanlagen. Jede einmal geplante Baugruppe bleibt per Knopfdruck reproduzierbar und lässt sich jederzeit bei Änderungen einfach modifizieren – ganz gleich, ob das ein kurzes Gitter-Kanal oder eine komplexe Industrie-Kanal-Installation ist.

SSB: Wie entwickeln Sie Industrie 4.0 konkret weiter?

Lenzing: In unserer Branche ist diese Vorgehensweise ein Beispiel für eine praxisorientierte Industrie 4.0-Strategie, die jetzt schon alle Beteiligten dabei unterstützt, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Im Bereich der Kabelverschraubungen nutzen wir beispielsweise eine intelligente Datenbank, über die wir unseren Kunden die gewünschten Bauteile in allen gängigen Datenformaten rund um die Uhr zur Verfügung stellen. Auch die Wissensvernetzung über den neuen Branchenverband BDSAH (www.schalt.net) basiert auf dem Prinzip des plattformübergreifenden Denkens und Handelns. So entsteht Stück für Stück das Wertschöpfungsnetz, das uns in Zukunft weiter voranbringen wird.

Drucke diesen Beitrag
Industrie 4.0 bei Kanal-Baugruppen
Bild: Pflitsch GmbH & Co. KG


Das könnte Sie auch interessieren

Am 24. und 25. Januar 2018 findet mit der All About Automation Hamburg zum zweiten Mal eine regional ausgerichtete und auf Industrieautomation spezialisierte Messe in und für Norddeutschland statt. Komponenten- und Systemhersteller, Distributoren und Dienstleister industrieller Automatisierungstechnik präsentieren ihre Produkte und Lösungen in der Messehalle Hamburg-Schnelsen.

Anzeige

Die SPS IPC Drives präsentiert sich auch 2017 als führende Fachmesse für elektrische Automatisierungstechnik. Rund 1.700 Aussteller aus aller Welt decken vom 28.- 30.11.2017 in Nürnberg das komplette Spektrum der industriellen Automation ab – vom einfachen Sensor bis hin zu Lösungen der digitalen, smarten Automatisierung. Es ist zu erwarten, dass insbesondere die Exponate und Studien zu den Themen Industrie 4.0 sowie Digitale Transformation besonders große Besucherresonanz erfahren werden. Im Zeitalter der Digitalen Transformation wachsen die beiden Branchen Automation und IT immer stärker zusammen.

Die operativen Geschäftsbereiche der Friedhelm Loh Group haben einen neuen Finanz-und Verwaltungschef: Andreas Huck (Foto) ist seit dem 1. September 2017 neuer Geschäftsführer in der Unternehmensgruppe. Er übernimmt die Geschäftsführung des Bereichs Finanzen und Administration bei Rittal, dem größten Unternehmen der Friedhelm Loh Group, sowie die Verantwortung als Geschäftsführer von Loh Services.

Anzeige

Zu einem ambitionierten und internationalen Klimaschutz gibt es keine Alternative. Zur Weltklimakonferenz (COP23) in Bonn stellt sich der Maschinenbau daher hinter die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens. Das Zögern eines Landes dürfe die Staatengemeinschaft nicht davon abhalten, zeitnah verlässliche Wege zur Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen zu formulieren.

Die konjunkturelle Stimmung in den E-Handwerken bleibt deutschlandweit auf einem sehr hohen Niveau. Das belegt die aktuelle Herbstumfrage des Zentralverbands der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH).

Gemeinsam mit der Nichregierungsorganisation Ashoka hat die Schneider Electric Stiftung im Vorfeld von COP 23 das Programm „Social Innovation to Tackle Fuel Poverty“ in fünf europäischen Ländern (Deutschland, Griechenland, Italien, Spanien, Portugal) ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Programms konnten sich Initiativen mit Projekten zur Bewältigung der Energiearmut und zur Steigerung der Energieeffizienz um Förderpreise bewerben.

Anzeige

Die Weidmüller Gruppe investiert weiter in seine internationale Präsenz in wichtigen Wachstumsmärkten. Einen Monat nach der Übernahme der Unternehmen der W Interconnections Group von Rockwell Automation Inc. in den USA, Kanada und Mexiko gründet der Elektrotechnikspezialist ein neues Gruppenunternehmen im indischen Bangalore mit Wirkung zum 1. November.

Führungswechsel bei Citel, Hersteller von Produkten zum Blitz- und Überspannungsschutz sowie Hindernisbefeuerungsleuchten: Mirko Harbott (Foto) hat die Leitung der deutschen Niederlassung übernommen.

Die EMV-Seminarreihe 2017 präsentiert ein vielfältiges Weiterbildungsprogramm zur elektromagnetischen Verträglichkeit. Vom 05.-07.12.2017 werden in Stuttgart in fünf 1-Tagesseminaren und einem englischsprachigen 2-Tagesseminar speziell auf die Bedürfnisse von Anwendern aus Forschung, Entwicklung und Produktion zugeschnittene Themen angeboten. Die Module können getrennt voneinander oder kombiniert gebucht werden.

Die Website des Weinstädter Automatisierers Friedrich Lütze wurde komplett überarbeitet. Das Design der neuen Website ist klar und aufgeräumt. Leserfreundlichkeit und eine übersichtliche Anordnung, wie man sie auch auf Tablets und Smartphones bevorzugt, werden großgeschrieben.